Begründung der Endungen des De-Le-Systems

Die neuen geschlechtsneutralen Utrum-Formen sollen fünf wichtige Kriterien erfüllen:

  1. Die geschlechtsneutralen Utrum-Formen sollten in den meisten Situationen von existierenden femininen und maskulinen Ausdrücken unterscheidbar sein.
  2. Die geschlechtsneutralen Utrum-Formen sollten leicht aussprechbar sein.
  3. Das System der Endungen der geschlechtsneutralen Utrum-Formen in den verschiedenen grammatischen Fällen sollte gut in das grammatikalische System der deutschen Sprache passen, so dass die neuen Endungen nach einer kurzen Eingewöhnungszeit für Deutschsprachige natürlich klingen.
  4. Die Gesamtsystem von geschlechtsneutralen Substantiven, Utrum-Artikeln und Utrum-Endungen für Adjektive sollte ein Kompromiss zwischen den entsprechenden Systemen des Femininums und des Maskulinums sein und dabei in der Gänze weder dem Femininum noch dem Maskulinum zu ähnlich sein.
  5. Die neuen Endungen von Pronomen, Adjektiven und Artikeln müssen zueinander passen, damit das neue System möglichst leicht erlernbar ist.

Das Kriterium 1 muss ich noch etwas genauer erklären:

Da Adjektive meistens in Kombination mit einem Artikel und einem Substantiv verwendet werden, ist es nicht so wichtig, dass sich die Adjektiv-Endungen im Utrum von den femininen und maskulinen Adjektiv-Endungen unterscheiden, solange der Unterschied im Regelfall an dem dabeistehenden Artikel oder Substantiv erkennbar ist. Pronomen hingegen bilden in der Regel ohne Zusatz eine eigenständige Nominalphrase, so dass es wichtig ist, dass sich das Utrum-Pronomen in allen vier grammatikalischen Fällen vom maskulinen und vom femininen Pronomen unterscheidet. Für die Substantive und Artikel habe ich mich an der folgenden Präzisierung von Kriterium 1 orientiert:

  • Alle geschlechtsneutralen Substantive sollten sich von den existierenden femininen und maskulinen Substantiven unterscheiden.
  • Die häufigste Form des Utrum-Artikels (der Nominativ Singular des bestimmten Artikels, also das Utrum-Pendant zu der/die/das) sollte sich von den entsprechenden Formen im Maskulinum, Femininum und Neutrum unterscheiden.

Anhand der oben genannten Kriterien werde ich jetzt die von mir bei der Entwicklung des De-Le-Systems getroffenen Design-Entscheidungen erklären.

Auf Deutsch gibt es viele personenbezeichnende Substantive, die auf -er enden, z.B. viele Berufsbezeichnungen wie Lehrer, Arbeiter, Kanzler usw., aber auch andere Personenbezeichnungen wie Wähler, Bürger, Frankfurter usw. Die Wörter bezeichnen beim Reden über eine spezifische Person praktisch immer eine männliche Person, wobei beim Sprechen über eine Frau die Endung -in angehängt wird. Als geschlechtsneutrale Endung bietet es sich daher an, eine Verschmelzung der Endungen -er und -in zu verwenden, und zwar eine, die einerseits nicht zu schwer auszusprechen ist und andererseits noch nicht bei vielen geschlechtlich markierten Substantiven als Endung Verwendung findet. Die Endung -ir erfüllt diese Kriterien gut. Sie tritt an Stelle der Endung -er und auch anstelle der Endungen -ier, -or und -e: Lehrir, Bürgir, Indonesir, Professir, Kollegir usw. Diese Endung -ir wird unbetont ausgesprochen, damit die Betonung auf der normalerweise betonten Silbe bleibt.

Bei Substantiven, die gar nicht mit einem personenbezeichnendem Suffix enden, wird die Endung -ir einfach hinten rangehängt: Freundir, Nachbarir usw. Auch bei Wörtern, die mit einem betonten Suffix wie -ent oder -ist enden, wird das -ir hintenrangehängt, da das Weglassen eines betonten Suffixes den Klang des Wortes zu sehr verändern würde: Studentir, Feministir usw.

Neben den beiden bestimmten Artikeln die und der bedarf es eines neuen Utrum-Artikels. Als Kompromiss-Form zwischen die und der bieten sich entweder dier oder de an. Die Form dier hätte gegenüber der Form de zwei Nachteile: Zum einen klingt dier genau so wie das schon existierende Wort dir. Zweitens ist de kürzer, was bei einem so häufigen Wort durchaus relevant ist. Daher hab ich mir für die Form de entschieden.

Bevor ich darauf eingehe, wie ich mich für die Deklination von dem Artikel de in den vier grammatikalischen Fällen entschieden habe, möchte ich zuerst die vier Formen des Pronomens le/lein/lir/lich motivieren. Bei den deutschen Personalpronomen gibt es ja schon geschlechtsneutralen Pronomen, aber neben den Plural-Pronomen sind dies nur die Pronomen ich/mein/mir/mich und du/dein/dir/dich. Die Tatsache, dass diese im Genitiv, Dativ und Akkusativ analoge Endungen haben, habe ich ausgenutzt, um die Formen lein/lir/lich zu bilden. Die Nominativ-Form le hingegen habe ich in Anlehnung an den Artikel de gewählt (dies ist übrigens ein weiterer Grund gegen die Form dier für den Artikel, da dann das Pronomen im Nominativ lier lauten müsste und in der Aussprache nicht mehr von der Dativ-Form lir zu unterscheiden wäre). Der Anfangsbuchstabe l ist durch das geschlechtsneutrale Wort Leut motiviert, das eine singularische Neuschöpfung zur existierenden Pluralform Leute ist. Des Weiteren war die Wahl des Anfangsbuchstaben l dadurch motiviert, dass kaum ein anderer Buchstabe bei keiner der vier Endung -e/-ein/-ir/-ich zu einer Kollision mit dem existierendem Wortschatz führt (so würde zum Beispiel b als Anfangsbuchstabe dazu führen, dass die Formen bein und bir wie Bein und Bier klingen würden).

Die Adjektiv-Endungen im Deutschen hängen davon ab, ob vor dem Adjektiv ein bestimmter, ein unbestimmter oder gar kein Artikel steht. Das Weglassen des Artikels bei Personenbezeichnungen ist im Singular ungewöhnlich, so dass wir uns hier auf die ersten beiden Optionen konzentrieren. Im Maskulinum heißt es der gute Lehrer mit -e, aber ein guter Lehrer mit -er. Im Femininum heißt es die gute Lehrerin und eine gute Lehrerin, also in beiden Fällen mit -e. Wie einir sieht, ist also die Adjektiv-Endung -e die einzige, die sowohl im Maskulinum als auch im Femininum vorkommt, und bietet sich daher auch als Utrum-Endung an, die der Einfachheit halber wie im Femininum sowohl mit bestimmtem als auch mit unbestimmtem Artikel verwendet werden kann. Diese allgemeine Nutzung von -e als Adjektiv-Endung passt auch zu der Wahl von -e als Endung des Artikels de und des Pronomens le im Nominativ.

Wie einir jetzt schon sehen kann, sind die verschiedenen Teile des Systems stark aufeinander abgestimmt. Einir kann also nicht so leicht ein Detail ändern, ohne viele weitere Änderungen notwendig zu machen, damit die Endungen wie von Kriterium 5 verlangt zueinander passen und sich dadurch möglichst leicht erlernen lassen. Vielleicht könnte einir ein System entwickeln, was von Grund auf ganz anders als das De-Le-System ist, und in dem die verschiedenen Endungen auch zueinander passen, aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass einir bei einem solchen System zu einer ähnlich leichten Aussprechbarkeit und einem vergleichbaren Erfüllung der anderen Kriterien kommt wie das De-Le-System.

Die meisten Substantive ändern im Deutschen nicht ihre Form, wenn sie ins Dativ oder Akkusativ gesetzt werden, und genauso ist es für die neuen geschlechtsneutralen Substantive. Im Genitiv hingegen wird an die maskulinen und neutralen Substantive ein -s angehängt (des Lehrers, des Autos), wohingegen die femininen Substantive auch im Genitiv unverändert bleiben (der Lehrerin). Allerdings ist die Endung -s auch bei der Genitiv-Form von weiblichen Eigennamen (z.B. Annas Buch) üblich, so dass es sinnvoll scheint, das Genitiv-S auch für die geschlechtsneutralen Substantive zu übernehmen.

Neben dem bestimmten Artikel benötigen wir auch einen unbestimmten Artikel, für den sich im Nominativ die Form eine anbietet. Diese hat zwar den Nachteil, dass sie nicht von der femininen Form unterschieden werden kann, aber hat dafür dieselbe Endung -e, die auch schon bei de, le und bei Adjektiven im Nominativ verwendet wird.

Sowohl den bestimmten als auch den unbestimmten Artikel muss es außer in den Nominativ-Formen de und eine auch noch im Genitiv, Dativ und Akkusativ geben. Es ist schwierig, in jedem grammatikalischen Fall eine Kompromiss-Form zwischen der femininen und der maskulinen Form zu finden, die auch noch leicht aussprechbar ist. Daher bietet es sich hier an, die Utrum-Form in manchen Fällen der feminine und in anderen der maskuline Form anzugleichen. Da wir das Genitiv-S auch für die geschlechtsneutralen Substantive verwenden, bietet es sich beim Genitiv an, die maskulinen Formen des und eines zu verwenden (so z.B. „das Buch des/eines Lehrirs“). Aufgrund der schon getroffenen Wahl von lir als Dativ-Pronomen scheint es folgerichtig, die auch auf –r endenden femininen Formen der und einer zu wählen („Ich gebe das Buch der/einer Lehrir“). Beim Akkusativ habe ich mich für die maskulinen Formen den und einen entschieden, da die Utrum-Formen sonst insbesondere beim unbestimmten Artikel und den im Folgenden besprochenen Adjektiv-Endungen zu sehr den femininen und zu wenig den maskulinen Formen ähneln würden, was zu einem laut Kriterium 4 zu beanstandenden Ungleichgewicht führen würde. Des Weiteren sehe ich es durchaus positiv, dass diese Wahl den Akkusativ vom Nominativ unterscheidbar macht, was dabei helfen kann, Ambiguitäten zu vermeiden (z.B. “Den Mathe-Lehrir findet Kim langweilig”).

Wie schon oben erklärt ist die Utrum-Adjektiv-Endung im Nominativ immer -e, also mit der femininen Adjektiv-Endung identisch. Auch in den anderen Fällen entspricht die Utrum-Adjektiv-Endung immer entweder der femininen oder der maskulinen Adjektiv-Endung, abhängig davon, ob die Artikel in dem jeweiligen Fall den femininen oder den maskulinen Artikeln entsprechen. Im Dativ entspricht die Utrum-Adjektiv-Endung also auch der femininen Adjektiv-Endung, ist also mit Artikel -en („Ich helfe der/einer guten Lehrir“) und ohne Artikel -er („Mit guter Lehrir lernt einir besser“). Im Genitiv und Akkusativ hingegen ist die Utrum-Adjektiv-Endung wie im Maskulinum immer -en („Das Buch des/eines guten Lehrirs“ – „Trotz guten Lehrirs lernt le nichts“ – „Ich kenne den/einen guten Lehrir“ – „Ich erachte lich als guten Lehrir“).

Bei Adjektiven, die zusammen mit einem Substantiv stehen, funktionieren die eben beschriebenen Endungen trotz ihrer Entsprechung mit den femininen bzw. maskulinen Endungen gut, da am Substantiv schon erkennbar ist, dass es sich um eine geschlechtsneutrale Bezeichnung handelt. Bei substantivierten Adjektiven würde es aber nicht gut funktionieren, für die Utrum-Form eine Endung zu haben, die mit der femininen oder maskulinen Endung identisch ist. Daher bietet es sich bei substantivierten Adjektiven an, die Subtantiv-Endung -ir zu verwenden. Wie bei Substantiven ändert sich diese dann nur im Genitiv zu -irs und bleibt sonst unverändert.

Dasselbe Problem tritt auch bezüglich Pronomen wie jede(r), keine(r) und eine(r) auf. Wenn sie zusammen mit einem Substantiv verwendet werden, ist es nach meiner Ansicht besser, sie wie die Artikel zu deklinieren (also jede/jedes/jeder/jeden, keine/keines/keiner/keinen und eine/eines/einer/einen), damit die verschiedenen grammatikalischen Fälle klar unterschieden werden. Wenn diese Pronomen hingegen alleinstehend (ohne dazugehöriges Substantiv) verwendet werden, ist es nach meiner Ansicht besser, die Endung -ir zu verwenden, damit die Utrum-Form nicht mit den femininen und maskulinen Formen dieser Pronomen verwechselt werden können: Die Formen lauten dann im Nominativ, Dativ und Akkusativ jedir, keinir und einir; nur die Genitiv-Endung unterscheidet sich durch das Genitiv-S: jedirs, keinirs und einirs.

Eingangs habe ich schon die Endung -ir für die geschlechtsneutralen Substantiven motiviert, dabei aber nur den einfachsten Fall behandelt, in dem sich die feminine von der maskulinen Form nur durch die Endung -in unterscheidet. Manchmal hat aber die feminine Form zusätzlich einen Umlaut, wie bei Ärztin. Die Utrum-Form wird in diesen Fällen mit Umlaut gebildet: Ärztir.

Zum Schluss möchte ich gerne noch erklären, wieso meines Erachtens der zweite Teil vom Kriterium 4 gut erfüllt wurde, also das Gesamtsystem der Utrum-Endungen weder dem Gesamtsystem der femininen Endungen noch dem Gesamtsystem der maskulinen Endungen zu sehr ähnelt. Die Endung -ir ähnelt in der Schriftform den beiden Endungen -er und -in gleichermaßen, was aus Sicht des Kriteriums 4 sehr gut ist. In der Aussprache ähneln Wörter wie Lehrir und Bürgir wohl etwas mehr der maskulinen Form als der femininen Form, allein schon wegen der Anzahl der Silben. Bei Wörtern wir Kollegir, Freundir und insbesondere bei Wörtern mit Umlaut wie Ärztir hingegen ist schon eher eine Ähnlichkeit mit der femininen Form als mit der maskulinen zu erkennen. Insgesamt ist das Kriterium 4 für die Substantive also durchaus gut erfüllt.

Weiter zu: Kann sich so etwas überhaupt durchsetzen?