Rotkäppchen geschlechtsneutral

Wichtiger Hinweis: Für Personen, die einen ersten Eindruck davon gewinnen wollen, wie das De-Le-System in der Praxis funktioniert, eignet sich die Seite über bekannte nicht-binäre Personen besser als der hier vorgestellte Rotkäppchen-Text.

Als ich das De-Le-System das erste Mal an einem etwas längerem Textfragment auszuprobieren wollte, habe ich das bekannte Grimm-Märchen über Rotkäppchen in vollständig geschlechtsneutraler Form umgeschrieben. Der Text gibt einen Eindruck dafür, wie das De-Le-System in seiner konsequentesten Form in der Praxis klingt, und hilft vielleicht ein bisschen, sich an den Klang zu gewöhnen. Die Kombination aus teilweise sehr altmodischem Deutsch und geschlechtsneutraler sprachlichen Avantgarde finde ich dabei durchaus amüsant!

Der Text soll aber nicht dahingehend missverstanden werden, als sei diese konsequenteste Variante die einzige Variante des De-Le-Systems – man kann das De-Le-System ja auch mit der traditionellen Verwendung von das Kind und mit einer weiterhin häufigen Verwendung des Femininums und Maskulinums verbinden, wenn einer das lieber ist.

Es war einmal eine kleine süße Kind, den hatte jede lieb, de lich nur ansah, am allerliebsten aber leine Großelter, de wusste gar nicht was le der Kind alles geben sollte. Einmal schenkte le lir ein Käppchen von rotem Sammet, und weil lir das so wohl stand, und le nichts anderes mehr tragen wollte, hieß le nur das Rotkäppchen. Eines Tages sprach leine Elter zu lir „komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großelter hinaus; le ist krank und schwach und wird sich daran erfreuen. Mach dich auf bevor es heiß wird, und wenn du hinaus kommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas und de Großelter hat nichts. Und wenn du in leine Stube kommst, so vergiss nicht guten Morgen zu sagen und guck nicht erst in alle Ecken herum.“

„Ich will schon alles gut machen“ sagte Rotkäppchen zur Elter, und gab lir die Hand darauf. De Großelter aber wohnte draußen im Wald, eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun Rotkäppchen in den Wald kam, begegnete lir de Wolf. Rotkäppchen aber wusste nicht, was das für ein böses Tier war, und fürchtete sich nicht vor lir. „Guten Tag, Rotkäppchen,“ sprach le. „Schönen Dank, Wolf.“ „Wo hinaus so früh, Rotkäppchen?“ „Zur Großelter.“ „Was trägst du unter der Schürze?“ „Kuchen und Wein: gestern haben wir gebacken, da soll sich de kranke und schwache Großelter etwas Gutes tun, und sich damit stärken.“ „Rotkäppchen, wo wohnt deine Großelter?“ „Noch eine gute Viertelstunde weiter im Wald, unter den drei großen Eichbäumen, da steht lein Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen“ sagte Rotkäppchen. De Wolf dachte bei sich „das junge zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als de Alte: du musst es listig anfangen, damit du beide erschnappst.“ Da ging le ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach le „Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die rings umher stehen, warum guckst du dich nicht um? Ich glaube du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin als wenn du zur Schule gingst, und es ist so lustig hier draußen im Wald.“

Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als le sah wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten, und alles voll schöner Blumen stand, dachte le „wenn ich der Großelter einen frischen Strauß mitbringe, der wird lir auch Freude machen; es ist so früh am Tag, dass ich doch zu rechter Zeit ankomme,“ lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn le eine gebrochen hatte, meinte le weiter hinaus stände eine schönere, und lief dahin, und geriet immer tiefer in den Wald hinein. De Wolf aber ging geradeswegs zu dem Haus des Großelters, und klopfte an die Tür. „Wer ist draußen?“ „Rotkäppchen. Ich bringe Kuchen und Wein, mach auf.“ „Drück nur auf die Klinke,“ rief de Großelter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.“ De Wolf drückte auf die Klinke, die Türe sprang auf und le ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett des Großelters und verschluckte lich. Dann zog le leine Kleider an, setzte leine Haube auf, legte sich in lein Bett und zog die Vorhänge vor.

Rotkäppchen aber war auf der Suche nach Blumen umhergelaufen, und als le so viel zusammen hatte, dass le keine mehr tragen konnte, fiel lir de Großelter wieder ein und le machte sich auf den Weg zu lir. Le wunderte sich, dass die Tür aufstand, und wie le in die Stube trat, so kam es lir so seltsam darin vor, dass le dachte „ei, du meine Gottir, wie ängstlich wird mirs heute zu Mut, und bin sonst so gerne bei der Großelter!“ Le rief „guten Morgen,“ bekam aber keine Antwort. Darauf ging le zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag de Großelter, und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. „Ei, Großelter, was hast du für große Ohren!“ „Dass ich dich besser hören kann.“ „Ei, Großelter, was hast du für große Augen!“ „Dass ich dich besser sehen kann.“ „Ei, Großelter, was hast du für große Hände!“ „Dass ich dich besser packen kann.“ „Aber, Großelter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ „Dass ich dich besser fressen kann.“ Kaum hatte de Wolf das gesagt, so tat le einen Satz aus dem Bett und verschlang das arme Rotkäppchen.

Wie de Wolf lein Gelüsten gestillt hatte, legte le sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an überlaut zu schnarchen. De Jägir ging eben an dem Haus vorbei und dachte „wie de alte Leut schnarcht, du mußt doch sehen ob lir etwas fehlt.“ Da trat le in die Stube, und wie le vor das Bette kam, so sah le dass de Wolf darin lag. „Finde ich dich hier, du alte Sündir,“ sagte le, „ich habe dich lange gesucht.“ Nun wollte le leine Büchse anlegen, da fiel lir ein, dass de Wolf de Großelter gefressen haben könnte, und le wäre noch zu retten: le schoss nicht, sondern nahm eine Scheere und fing an der schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie le ein paar Schnitte getan hatte, da sah le das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang de Kind heraus und rief „ach, wie war ich erschrocken, wie wars so dunkel in der Wolf leinem Leib!“ Und dann kam de alte Großelter auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie der Wolf den Leib, und wie le aufwachte, wollte le fortspringen, aber die Steine waren so schwer, dass le gleich niedersank und tot fiel.

Da waren alle drei vergnügt; de Jägir zog der Wolf den Pelz ab und ging damit heim, de Großelter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte, und erholte sich wieder, Rotkäppchen aber dachte „du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn es dir de Elter verboten hat.“

Es wird auch erzählt, dass einmal, als Rotkäppchen der alten Großelter wieder Gebackenes brachte, eine andere Wolf lir zugesprochen und lich vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging gerade fort leines Wegs und sagte der Großelter, dass le der Wolf begegnet wäre, de lir guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: „wenns nicht auf offner Straße gewesen wäre, le hätte mich gefressen.“ „Komm,“ sagte de Großelter, „wir wollen die Tür verschließen, dass le nicht herein kann.“ Bald danach klopfte de Wolf an und rief „mach auf, Großelter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes.“ Sie schwiegen aber still und machten die Tür nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten bis Rotkäppchen abends nach Haus geht, dann wollte le lir nachschleichen und wollte lich in der Dunkelheit fressen. Aber de Großelter merkte was le im Sinn hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach le zu der Kind „nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog.“ Rotkäppchen trug so lange, bis der große große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten der Wolf in die Nase, le schnupperte und guckte hinab, endlich machte le den Hals so lang, dass le sich nicht mehr halten konnte, und anfing zu rutschen: so rutschte le vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Hause, und niemand tat lir etwas zu Leide.

So also sieht ein ins De-Le-System umformulierte Grimm-Märchen aus. Wenn Du auch noch einen Geschmack dafür kriegen willst, wie sich das De-Le-System an einem moderneren Text liest, dann schau Dir doch noch sie Seite über bekannte nicht-binäre Personen an.

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